Die meisten Geldbeträge, die Privatpersonen und Unternehmen täglich nutzen, existieren bereits in digitaler Form. Der Gehalt wird auf ein Bankkonto überwiesen, Waren werden per Karte bezahlt und Überweisungen erfolgen über Banking-Apps. Ein digitales Kontosaldo und eine tokenisierte Einlage sind jedoch nicht identisch.
Tokenisierte Einlagen sind Bankguthaben, die in Form eines digitalen Tokens auf einer programmierbaren Plattform verbucht und übertragen werden. Ihre wirtschaftliche und rechtliche Natur bleibt dabei in der Regel unverändert: Der Token bleibt eine Verbindlichkeit einer Geschäftsbank gegenüber ihrem Kunden.
Mit anderen Worten: Die Bank schuldet dem Inhaber nach wie vor den entsprechenden Geldbetrag – doch der Anspruch wird nun mittels neuer digitaler Infrastruktur dokumentiert.
- Tokenisierte Einlagen einfach erklärt
- Wie funktionieren tokenisierte Einlagen?
- Warum tokenisieren Banken Einlagen?
- Unterschiede zwischen tokenisierter Einlage und herkömmlichem Bankkonto
- Vorteile und Grenzen tokenisierter Einlagen
- Anwendungsfälle für tokenisierte Einlagen
- Werden tokenisierte Einlagen herkömmliche Konten ersetzen?
- Zusammenfassung
Tokenisierte Einlagen einfach erklärt
Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen hat 1 Million Rubel auf seinem Bankkonto. In einem herkömmlichen System zeigt die Bank diesen Betrag lediglich als Buchungseintrag in ihrer internen Datenbank an.
Bei der Tokenisierung kann die Bank einen Teil oder den gesamten Betrag als Einlagentoken darstellen. So könnten beispielsweise 1 Million Rubel auf dem Konto 1 Million digitale Einheiten entsprechen, mit denen das Unternehmen innerhalb einer speziellen Plattform Zahlungen abwickeln kann.
Solche Tokens sind keine eigenständige Währung und bedeuten nicht, dass die Bank zusätzliches Geld neben dem bestehenden Einlagenbetrag geschaffen hat. Sie stellen denselben Kundenanspruch gegenüber der Bank dar – nur in einer Form, die für die Übertragung und Nutzung in einer programmierbaren Umgebung geeignet ist.
Der Kerngedanke besteht nicht darin, neues Geld zu schaffen, sondern die Art und Weise seiner Verbuchung und Anwendung zu verändern. Geld kann mit digitalen Vermögenswerten, Vertragsbedingungen und automatisierten Abrechnungsprozessen verknüpft werden.
Wie funktionieren tokenisierte Einlagen?
Konkrete Umsetzungen können variieren, doch der grundlegende Mechanismus sieht folgendermaßen aus:
Der Kunde platziert Geld bei einer Geschäftsbank oder nutzt bereits vorhandene Einlagen. Die Bank verbucht den entsprechenden Kundenanspruch als Token auf einer zugelassenen digitalen Plattform. Danach kann der Token zwischen Plattformteilnehmern übertragen, zur Bezahlung genutzt oder in Transaktionen mit Smart Contracts eingesetzt werden.
Bei der Übertragung des Tokens wechselt der Eigentümer des repräsentierten Anspruchs. Je nach Systemarchitektur kann der neue Inhaber zum Kunden derselben Bank werden oder das Recht erhalten, den Token gegen konventionelles Geld einzutauschen.
Beim Rücktausch wird der Token aus dem Umlauf genommen, und der entsprechende Betrag wird entweder auf das Bankkonto gutgeschrieben oder in einer anderen vorgesehenen Form ausgezahlt. Damit müssen Ausgabe, Umlauf und Rücktausch des Tokens stets mit der Verbindlichkeit der Bank korrespondieren.
Tokenisierte Einlagen werden vorrangig für den Einsatz auf zugelassenen Plattformen entwickelt, deren Teilnehmer identifiziert sind und deren Zugang von Banken oder Infrastrukturbetreibern kontrolliert wird. Der IWF beschreibt sie als Verbindlichkeiten von Geschäftsbanken, die in programmierbaren Registern verbucht sind und weiterhin Teil des bestehenden regulierten Geldsystems bleiben.
Warum tokenisieren Banken Einlagen?
Das herkömmliche Bankensystem bewältigt Alltagszahlungen gut – doch Finanzmarkttransaktionen bestehen häufig aus mehreren separaten Prozessen: Zunächst wird der Handel vereinbart, dann bestätigt, anschließend erfolgt Clearing, die Übergabe des Vermögenswerts und separat die Geldüberweisung.
Diese Schritte werden oft von verschiedenen Organisationen, in unterschiedlichen Systemen und zu verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt. Dadurch müssen die Beteiligten Daten abgleichen, Liquidität vorhalten und das Risiko eingehen, dass eine Partei ihre Verpflichtung früher erfüllt als die andere.
Die Tokenisierung ermöglicht es, Geld und Finanzinstrumente in einer kompatiblen, programmierbaren Umgebung zusammenzuführen. So können die Übergabe eines Vermögenswerts und die Zahlung miteinander verknüpft und gleichzeitig ausgeführt werden. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) sieht die Integration tokenisierter Einlagen, Vermögenswerte und Abrechnungsfunktionen auf einer gemeinsamen Plattform als einen Schlüsselansatz zur Modernisierung der Finanzinfrastruktur.
Ein weiteres potenzielles Anwendungsgebiet sind grenzüberschreitende Zahlungen. Heute durchläuft eine internationale Banküberweisung oft mehrere Korrespondenzbanken. Jeder Zwischenhändler führt seine eigene Buchhaltung, prüft die Transaktion und leitet sie weiter – was Zeit, Kosten und Intransparenz erhöht.
Unterschiede zwischen tokenisierter Einlage und herkömmlichem Bankkonto
Eine herkömmliche Einlage und ihre tokenisierte Form stellen beide eine Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Kunden dar. Der wesentliche Unterschied liegt in der Infrastruktur für Buchung und Übertragung dieses Anspruchs.
Auf einem herkömmlichen Bankkonto wird der Saldo in einem zentralisierten Buchungssystem der Bank geführt. Eine Überweisung erfolgt über eine Zahlungsanweisung, eine Banknachricht oder die Kartenzahlungsinfrastruktur. Der Kunde beauftragt die Bank, den Saldo auf einem Konto zu reduzieren und auf einem anderen zu erhöhen.
In einem tokenisierten System wird der Anspruch gegen die Bank als Token in einem programmierbaren Register verbucht. Die Übertragung des Tokens ändert simultan die Angabe darüber, wer den entsprechenden Anspruch besitzt. Das Register kann für mehrere Teilnehmer gemeinsam genutzt werden, obwohl der Zugriff normalerweise kontrolliert ist.
Der zweite Unterschied betrifft die Programmierbarkeit. Ein herkömmlicher Banktransfer lässt sich beispielsweise über eine Dauerauftrag-Automatisierung ausführen. Auf einer tokenisierten Plattform hingegen kann die Geldüberweisung direkt mit der Erfüllung vordefinierter Bedingungen verknüpft werden.
So könnte etwa eine Zahlung erst dann erfolgen, wenn eine tokenisierte Anleihe übertragen wurde. Falls die Vermögensübergabe nicht stattfindet, wird auch kein Geld transferiert. Dieser Mechanismus wird als „atomare Abwicklung“ bezeichnet: Beide Teile der Transaktion werden entweder simultan ausgeführt oder gar nicht. Der IWF und die B