24 Oktober, 2026

Das Agenturmodell eines Forex-Brokers – ein Mythos? Teil 2

Sergey Kamenschikov
RU DE
Fortsetzung der Analyse: Ist das Agenturmodell realistisch? Technische und juristische Hintergründe – und wie Sie Ihren Broker prüfen.

Fortsetzung des Artikels

Betrachten wir das Tick-Diagramm des EUR/USD-Paares des größten Liquiditätsanbieters – der Schweizer Bank Dukascopy. Dargestellt sind die BID- und ASK-Kurse. Aktuelle Zeit: 15:00 Uhr (MSK), 14.02.2015. Der Markt ist relativ ruhig: Innerhalb einer Stunde werden weder Nachrichten veröffentlicht noch makroökonomische Indikatoren veröffentlicht.

Die Wahrheit über Forex-Broker
Abb. 4. Tick-Diagramm des EUR/USD-Paares.

Ein zufällig gewähltes Zeitfenster mit einer Breite von 1000 ms enthält 44 voneinander verschiedene Kurswerte. Verschiebt man das Fenster um einen Schritt nach vorne, steigt die Anzahl der Ticks auf 50. Angenommen, der Handelsserver ermöglicht Orderausführungen mit einer Latenz von 500 ms (ein ausgezeichneter Wert). Dann könnte der Versuch, zum anfänglich angegebenen Kurs von 1.12770 zu verkaufen, zu mehr als 35 Requotes seitens der Bank führen, bevor diese die Order bestätigt.

Dieses Mal hatten wir kein Glück: Nach drei Sekunden kehrte der Kurs nicht mehr auf den ursprünglich angegebenen Wert zurück. Wie reagiert der Broker darauf? Übersendet er dem Kunden die Requote (in unserem Fall 5–6 Requotes), oder öffnet er auf eigenes Risiko eine Position und wartet ab, bis der Kurs wieder in den gewünschten Bereich zurückkehrt – unter gleichzeitiger selbstständiger Absicherung des Risikos? Im ersten Fall sinkt die Servicequalität unter ein akzeptables Niveau. Im zweiten Fall verlässt der Broker das „Agenturmodell“ und agiert als Market Maker – d. h., er führt die Position nicht tatsächlich weiter, sondern handelt sie selbst aus. Um Aufträge sinnvoll auszuführen, darf die maximale Verzögerung, die ein Broker zulassen kann, bei aktuellem Marktstand nur 30 ms betragen – also 1000 ms/N.

Rechtliche Konflikte

Neben dem offensichtlichen technologischen Widerspruch gibt es auch juristische Aspekte, die nicht vernachlässigt werden dürfen. Der Trader hat Zugang zu zwei grundlegenden Dokumenten: der Kundenvereinbarung und – falls vorhanden – der Lizenz.

Ein Interessenkonflikt ist nur dann ausgeschlossen, wenn das Unternehmen ausschließlich über eine Lizenz zur Weiterleitung von Kundenaufträgen („Reception and transmission of orders“) verfügt und strikt nach dem 100 % DMA/STP-Agenturmodell (Direct Market Access) arbeitet. In diesem Fall beschränken sich die Aufgaben des Unternehmens auf Clearing und Kundenservice – Online-Support, Web-Oberfläche usw. Die Kundenaufträge werden an einen Market Maker weitergeleitet, nicht vom Firmenkonto ausgeführt. Die volle Verantwortung für die Ausführung trägt eine dritte Partei – also der Market Maker bzw. der Liquiditätsanbieter.

Der zweite Lizenztyp ist die erweiterte Market-Maker-Lizenz, die die Funktion „Dealing on own account“ (Handel auf eigenes Konto) umfasst. Hierbei darf das Unternehmen Aufträge direkt auf eigenem Konto ausführen, ohne sie an den Interbankenmarkt weiterzuleiten. Für solche Unternehmen gelten strengere Kapitalanforderungen.

Betrachten wir beispielhaft die Anforderungen der zypriotischen Aufsichtsbehörde CySEC (Cyprus Securities and Exchange Commission). Wenn ein Unternehmen als Liquiditätsanbieter tätig werden möchte – also Transaktionen auf eigenem Konto durchführt (Multilateral Handel Facilities) – erhöhen sich die Mindestkapitalanforderungen von 200.000 Euro auf 1 Million Euro Stammkapital. Überschreitet das Unternehmen diesen Grenzwert, wird die Lizenz widerrufen. Folglich können Sie bei einem Broker mit einer Lizenzfunktion „Dealing on own account“ sofort zwei wesentliche Schlussfolgerungen ziehen:

  • Er verfügt über die erforderliche Kapitalausstattung, um als Market Maker zu agieren. Das Unternehmen begrenzt bewusst seine Kosten und Risiken, um die Lizenz zu behalten – eine Lizenz, die es ihm erlaubt, Geschäfte intern abzugleichen.
  • Außer mündlichen Zusicherungen haben Sie keinerlei Grundlage, anzunehmen, dass der Broker alle Transaktionen an den Interbankenmarkt weiterleitet – denn rechtlich ist dies ausdrücklich gestattet, und das Unternehmen zahlt dafür regelmäßig mit entgangener Gewinnchance.

Betrachten wir eine einfache Methode zur Überprüfung der Broker-Lizenz am Beispiel CySEC: Besuchen Sie die offizielle Website der Aufsichtsbehörde und navigieren Sie zum Bereich regulierter Organisationen. Ist das Unternehmen auf Zypern registriert, benötigen Sie den Abschnitt „INVESTMENT FIRMS (CYPRIOT)“. Bei Registrierung in einem anderen EU-Mitgliedstaat wählen Sie „INVESTMENT FIRMS (MEMBER STATES)“. Nehmen wir an, der Broker ist zypriotischer Resident.

Geben Sie den Firmennamen in die Suchleiste ein – Sie erhalten eine kurze Übersicht über die Lizenz. Wir haben willkürlich ein Unternehmen ausgewählt, das nicht auf dem russischen Markt vertreten ist (siehe Abb. 5). Im Abschnitt „Investment Dienste“ (Anlage-Dienstleistungen) sind die im Rahmen der Lizenz erlaubten Tätigkeiten aufgelistet: „reception and transmission of orders“ (Empfang und Weiterleitung von Aufträgen) sowie „Dealing on own account“ (Handel auf eigenes Konto).

Das Agenturmodell der Forex-Broker-Arbeit
Abb. 5. Überprüfung der Broker-Lizenz.

Der zweite Punkt zeigt, dass das Unternehmen als Market Maker agieren darf und nicht verpflichtet ist, sämtliche Transaktionen weiterzuleiten. Falls Sie diesen Lizenztyp feststellen, gibt es keinerlei Garantie dafür, dass Ihre Order tatsächlich den Interbankenmarkt erreicht.

Das zweite für die Analyse relevante Dokument ist die Kundenvereinbarung – sie muss dem Trader bei Eröffnung des Handelskontos zur Verfügung gestellt werden. Ideal ist es, wenn die Vereinbarung online auf der offiziellen Website zugänglich ist: In diesem Fall kann die Aufsichtsbehörde bei Abweichungen zwischen Vertragsinhalt und Lizenzbedingungen sogar strafrechtliche Konsequenzen prüfen. Ein Verweigern der Vorlage ist ein deutliches Warnsignal für die weitere Zusammenarbeit. Der entscheidende Abschnitt lautet Rechtliche Verpflichtungen oder Rechtliche Haftung. Wir haben die Kundenvereinbarung eines beliebigen, bekannten russischen Brokers geöffnet. Die russischsprachige Version war auf der russischsprachigen Website nicht verfügbar (!). Wir mussten auf die englischsprachige Version ausweichen und das Dokument herunterladen. Im Abschnitt „Capacity“ (Rechtliche Verpflichtungen) finden wir den entscheidenden ersten Punkt:

8.1 Company shall act, at all times, as principal

„Achtung! Der Broker agiert stets als Principal – d. h., er trägt die vollständige rechtliche Verantwortung für Abschluss und Ausführung aller Geschäfte. Wäre der Broker lediglich ein Agent, der Aufträge an Dritte weiterleitet, läge die Verantwortung für die Ausführung bei dieser dritten Partei.“ Damit handelt es sich um einen Market Maker. Ein weiterer interessanter Abschnitt ist Dienstleistungen (Dienste). Es genügt, die ersten drei Punkte zu lesen – einer davon lautet:

6.3 The client understands that no physical delivery of a CFD’s underlying instrument (or reference instrument) that he/ she traded through his/ her trading account shall occur

„Der Kunde erkennt an, dass keine physische Lieferung des Basisinstruments (oder Referenzinstruments) erfolgt, das dem gehandelten CFD zugrunde liegt.“ Erinnern Sie sich: CFD steht für „Contract for Difference“, einen Vertrag zwischen Kunde und Broker. Ein CFD ist ein eigenständiges Instrument des Brokers, das auf Marktkursen basiert. Dieser Vertragsabschnitt weist daher darauf hin, dass das Unternehmen ein eigenes derivates Instrument einführt, das nur indirekt mit den Interbankenhandelsströmen verbunden ist – und nicht direkt mit ihnen korrespondiert. All dies stand in der Vereinbarung eines Brokers, der sich selbst als „Bankagent“ positioniert. Der Autor hält die Zusammenarbeit mit einem solchen Unternehmen für riskant, da sein Geschäftsmodell zwar die Rolle eines Market Makers zulässt, diese aber in offiziellen Pressemitteilungen nicht transparent kommuniziert wird.

Die Entscheidung des Traders

Was bleibt dem Trader also, wenn am Ende der Kette stets ein Market Maker – etwa eine Großbank oder ein Prime Broker – steht? Selbst wenn beim ersten Schritt kein Interessenkonflikt besteht, tritt er spätestens am letzten Schritt auf, denn letztlich bestimmen Market Maker den Markt – wie es ihre Definition nahelegt. Falls Sie ein Handelssystem entwickelt, ausreichend getestet und strikt nach Ihrem Handelsplan handeln, könnten Ihre wichtigsten Anforderungen an einen Broker folgendermaßen lauten:

  • Marktpreise: Eröffnen Sie zwei Konten bei einem Broker und vergleichen Sie die Kurse. Ideal ist es, wenn diese online auf der Website abrufbar sind. Bei vollständiger Übereinstimmung schließen Sie eine Manipulation zugunsten des Brokers aus.
  • Schnellstmögliche Orderausführung: Verzögerungen können Teile Ihres Gewinns kosten und bleiben bei Tests unberücksichtigt.
  • Feste Spreads: Dies ist die ideale Lösung. Eine variable, willkürliche Gebühr macht objektive Tests Ihres Systems unmöglich.
  • Kein Slippage und keine Requotes: Andernfalls verlieren Sie erneut Teile Ihres Gewinns.
  • Transparente Geschäftsmodelle und regulatorische Aufsicht:
  • Offenlegung von Informationen und unabhängige Prüfung: Dies ist eine wünschenswerte Option – selten, aber nicht zu vernachlässigende Zusatzgarantie.

Falls Sie den Handel als Einkommensquelle betrachten, reichen diese Kriterien für eine Zusammenarbeit aus – insbesondere, wenn das Unternehmen bereits mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte am Markt aktiv ist. Wie das Unternehmen mit Ihrer Position verfährt – ob sie an den Interbankenmarkt weitergeleitet wird, teilweise gehedgt oder intern abgeglichen wird – ist nach Ansicht des Autors sekundär, vorausgesetzt, dass alle oben genannten Kriterien (oder fast alle) eingehalten werden. Fordern Sie etwa vom Bankkassierer bei einem Devisentausch eine sofortige Platzierung Ihres Geldes an der MOEX? Sicher nicht.

Entwickeln Sie Ihren eigenen Handelsstil und prüfen Sie kritisch die Bedingungen Ihres Brokers. Streuen Sie Ihr Depot auf mehrere Broker, diversifizieren Sie Ihre Strategien – so halten Sie Ihr Risiko auf einem tragbaren Niveau für nachhaltigen Handel. Und vor allem: Sobald Sie Unstimmigkeiten oder Manipulationen entdecken, warnen Sie andere Trader. Nur so lässt sich ein fairer und professioneller Broker-Markt im Heimatland etablieren.

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