Die Fundamentalanalyse im Forex-Markt wird oft fälschlicherweise auf das bloße Lesen des Wirtschaftskalenders reduziert. In der Praxis ist die Aufgabe des Traders jedoch umfassender: Sie besteht darin, zu verstehen, welche der beiden Währungen in einem Paar stärkere makroökonomische Unterstützung erhält – und welche Faktoren diesen Gleichgewichtszustand verändern können.
Daher ist es sinnvoller, nicht isoliert einzelne Nachrichten zu bewerten, sondern einen fundamentalen Szenarioansatz zu entwickeln – also einen Satz von Bedingungen, unter denen ein Währungspaar mit größerer Wahrscheinlichkeit in eine bestimmte Richtung tendiert.
- Womit beginnt ein fundamentales Szenario?
- Zentralbanken und Zinssätze
- Inflation, Konjunktur und Arbeitsmarkt
- Renditen von Staatsanleihen als Indikator
- Ein praktisches Beispiel: Szenario für EUR/USD
- Häufige Fehler bei der Analyse
- Praktische Anwendung des fundamentalen Szenarios
Womit beginnt ein fundamentales Szenario?
Jedes Währungspaar spiegelt das Verhältnis zweier Volkswirtschaften wider. Daher reicht es nicht aus, nur den US-Dollar im EUR/USD oder nur das britische Pfund im GBP/USD zu analysieren. Zunächst muss die wirtschaftliche Lage beider Länder verglichen werden: Zinssätze, Inflation, Wachstumsraten, Arbeitsmarkt sowie Erwartungen zur Geldpolitik der jeweiligen Zentralbanken.
Die zentrale Frage lautet dabei einfach: Welche der beiden Währungen erhält derzeit stärkere Unterstützung durch die Geldpolitik und die konjunkturelle Entwicklung?
Wichtig ist: Ein fundamentales Szenario ist keine Prognose, dass der Kurs zwangsläufig steigt oder fällt. Es handelt sich vielmehr um eine operative Strategie, die nach jeder neuen Datenveröffentlichung überprüft und ggf. angepasst werden muss.
Zentralbanken und Zinssätze
Für den Devisenmarkt bleibt die Geldpolitik der Zentralbanken einer der wichtigsten Einflussfaktoren. Wenn eine Bank hohe Zinsen beibehält, während die andere bereits auf eine Senkung hinarbeitet, kann Kapital in Richtung der Währung mit der höheren erwarteten Rendite fließen.
Zum Beispiel: Wenn die US-Notenbank (Fed) deutlich macht, dass sie keine rasche Zinssenkung plant, während die Europäische Zentralbank (EZB) ein weiteres geldpolitisches Lockerungsprogramm erwägt, kann dieser Unterschied den US-Dollar gegenüber dem Euro stützen.
Für den Trader ist jedoch nicht nur der aktuelle Zinssatz entscheidend – der Markt reagiert vor allem auf die erwartete Entwicklung der Zinsen in den nächsten Monaten. Deshalb sind Aussagen der Zentralbankvorstände, Inflations- und Zinsprognosen sowie Markterwartungen vor den nächsten geldpolitischen Sitzungen besonders relevant.
Inflation, Konjunktur und Arbeitsmarkt
Zinssätze stehen in engem Zusammenhang mit der konjunkturellen Lage.
Wenn die Inflation weiterhin hoch bleibt, fällt es der Zentralbank schwerer, zu einer lockeren Politik überzugehen. Sinkt sie dagegen zuverlässig, steigt meist die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung. Ebenso müssen BIP-Wachstum, Einkaufsmanagerindizes (PMI), Einzelhandelsumsätze, Industrieproduktion und andere Kennzahlen der Geschäftstätigkeit berücksichtigt werden.
Eine besondere Rolle spielt auch der Arbeitsmarkt. Eine niedrige Arbeitslosigkeit und ein stabiles Lohnwachstum können die Konsumnachfrage stützen – und zugleich inflationären Druck aufrechterhalten. In diesem Fall könnte die Zentralbank ihre hohe Leitzinsphase länger fortsetzen. Verschlechtert sich dagegen die Beschäftigungslage, verlangsamt sich die Konjunktur und sinkt die Inflation, so wachsen die Argumente für eine geldpolitische Lockerung.
Für den Trader zählt nicht die einzelne Zahl, sondern die Richtung der Veränderung. Ein einzelner schwacher Bericht ändert selten das fundamentale Bild – eine Serie ähnlicher Daten hingegen kann die Markterwartungen spürbar beeinflussen.
Renditen von Staatsanleihen als Indikator
Eine nützliche Orientierungshilfe für die Devisenanalyse bieten die Renditen staatlicher Anleihen. Sie spiegeln die Erwartungen der Investoren an Inflation, Zinsentwicklung und Wirtschaftspolitik wider. Steigen die Renditen amerikanischer Staatsanleihen dauerhaft stärker als die der Eurozone, erhält der US-Dollar häufig zusätzliche Unterstützung.
Daher lässt sich etwa die Kursentwicklung von EUR/USD sinnvoll mit den Renditeentwicklungen der US- und der europäischen Staatsanleihen betrachten. Entscheidend ist dabei nicht die absolute Rendite, sondern deren Dynamik und vor allem die Differenz zwischen den beiden Ländern.
Falls die makroökonomische Statistik zwar stark erscheint, die Renditen diesen Sachverhalt aber bereits längere Zeit antizipieren, bleibt die Reaktion des Devisenmarktes oft verhalten. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, warum Fundamentalanalyse nicht allein auf aktuellen Daten basieren darf – sondern immer auch berücksichtigen muss, was bereits in den Preisen eingepreist ist.
Ein praktisches Beispiel: Szenario für EUR/USD
Nehmen wir an, die US-Wirtschaft bleibt stabil, der Arbeitsmarkt zeigt keine deutliche Schwäche, und die Inflation sinkt nur langsam. Die Fed signalisiert, dass sie nicht bereit ist, die Zinsen rasch zu senken. In der Eurozone ist die Lage umgekehrt: Das Wirtschaftswachstum ist schwach, die Inflation nähert sich dem Zielwert, und die EZB erwägt weitere geldpolitische Lockerungsschritte.
In diesem Fall könnte das fundamentale Szenario wie folgt lauten:
- Basis-Szenario: Der US-Dollar behält sein Vorteilsposition bei, und der Druck auf EUR/USD bleibt bestehen.
- Alternativ-Szenario: Die